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25.10.2009
Weltweite News

Der Supertramp im Bockmattli wurde "renaturiert"

Von: Martin Scheel

Der Supertramp wurde 1980 von Martin Scheel und Gregor Benisowitsch (einige leichtere Seillängen) erstbegangen und gilt als Meilenstein im alpinen Sportklettern.

Der Supertramp im Bockmattli wurde renaturiert2004 wurde Scheel telefonisch angefragt, ob er damit einverstanden sei, dass der Supertramp saniert würde. Natürlich sei er dies.

Es wurde klar geregelt, dass:

  • alle Bohrhaken durch neue ersetzt werden können
  • alle Haken durch Bohrhaken ersetzt werden können
  • alle Stände mit Bohrhaken versehen werden können
  • Diese Regelung entspricht auch der Meinung Gregor Benisowitsch's.

Seit der Sanierung 2004/2005 haben verschiedene Kletterer bemerkt, dass die Route übersaniert ist. Die Aussagen gingen von "viel mehr Bohrhaken" bis zu "die Route ist ohne Klemmgeräte begehbar".

So oder so: Der Charakter der Tour schien massiv verändert. Als Folge hat der Erstbegeher seine Meinung zur Problematik "Erstbegehen und Sanieren" auf seiner Webseite zusammen mit den Originaltopos veröffentlicht.

In Kürze Scheels Meinung:

„Die sogenannten "Risikosportarten" sind ein wichtiges Glied, bei dem sich der Mensch verwirklichen kann ohne andere zu gefährden. Es geht darum, dass nicht alleine die Masse und der Kommerz das sagen haben, sondern dass auch Minderheiten ihr Betätigungsfeld erhalten bleibt.  Ein gewisser Stil ohne Rücksicht auf andere ist eine ideologische Sackgasse die vor Jahrzehnten schon ausprobiert wurde. Damals hiess es "Superdirettissima", heute "Plaisir".“

Im September dieses Jahres haben drei Freunde in zwei Tagen harter Arbeit 28 Bohrhaken und einige alte (seit der Sanierung ohnehin überflüssige) Haken entfernt und die Bohrlöcher verkittet.

Einige Fakten zur Renaturierung und zum jetzigen Zustand der Route:

  • Es wurden 28 Bohrhaken entfernt.
  • Jeder ursprüngliche, d.h. während der Erstbegehung gesetzte und im Originaltopo aufgeführte Normal- oder Bohrhaken wurde von den Sanierern 04/05 durch einen neuen Bohrhaken ersetzt. Diese Bohrhaken wurden belassen.
  • einige weitere Bohrhaken in den leichteren Ausstiegsseilängen wurden  aufgrund der schlechten Felsqualität ebenfalls belassen.
  • Die Irniger-Stände wurden belassen.
  • Friends und Keile sind wieder notwendig.
 

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12 Kommentare [ anzeigen | verbergen ]
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Cellinski
02.11.2009 19:38 Uhr
1) Darf man erfahren, wer die Rückbauaktion durchgeführt hat? Also ich meine konkret die Namen. Oder ist "Datenschutz" nötig? Und wenn ja, warum?

2) Ist der von JN erwähnte Originalartikel irgendwo greifbar? Würde mich sehr interessieren.

3) @Jochen_: Haarscharf analysiert!
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JN
02.11.2009 17:12 Uhr
Ich klettere zwar kaum noch - aber über diese Meldung hab ich mich auch gefreut. Ich finde schon, dass die Supertramp ein Kunstwerk ist. Ähnlich wie ein begnadetes Bild hat auch diese Route mich über viele Wochen lang geistig beschäftigt. Ich habe recherchiert, den legendären Scheel Artikel auswendig gelernt, nächtelang von den Psychostellen geträumt und mich dann endlich getraut, die Route zu steigen. Es war damals eine der beeindruckendsten Touren meiner Kletterkarriere und ist bis heute eine meiner schönsten Erinnerungen. Mit 28 Bohrhaken mehr, wäre sie das sicher nicht geworden...
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Liod
02.11.2009 09:01 Uhr
Zumindest kann man die Supertramp durchaus als Kunstwerk betrachten.
Hat mich persönlich mehr berührt als die Mona Lisa :)
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webmaster
30.10.2009 11:23 Uhr
Hallo zusammen,
sorry für die "verwirrende" Überschrift - die stammt in dieser Form von mir.

Martin Scheel nannte die Aktion in seiner Mail:

"Renaturierung" (Zurücksanierung) des Supertramp am 10. + 24. September 2009

Das wäre wohl treffender gewesen...

Gruß,
Martin
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Jochen_
29.10.2009 22:46 Uhr
Der Begriff Renaturierung ist sprachlich völlig daneben, weil verwirrend, anmaßend und bedenklich. Verwirrend, weil ich mit Renaturierung dachte, die Supertramp wurde komplett ausgenagelt, was eben nicht gemeint war. Anmaßend, weil der eigentlich natürliche Zustand ja wohl der ohne jegliche Haken ist. Bedenklich, weil man mit RE-Naturierung gedanklich impliziert, dass a) die Erstbegehung den eigentlichen natürlichen Zustand darstellt, was faktisch falsch ist, b) die ungewollte Änderung eines Zustands, der selbst für richtig erachtet wird, dann als DE-Naturierung empfunden wird. Änderungen, die einem persönlich nicht passen, mit Denaturierung gleichzusetzen, geht in Richtung Entartung, ist also ein rassistischer, totalitärer Begriff. Das eigene Handeln wird als "natürlich" empfunden, das der Anderen als "unnatürlich".

Es ist besser von einer Rückbauaktion zu sprechen, die den Respekt gegenüber dem Erstbegeher wieder herstellt. Respekt ist ein ethischer Begriff, der auf moralischen Werten beruht, die etwas mit Anstand und Benimm zu tun haben, was hier ganz gut passt. In diesem Sinne handelten die Sanierer offensichtlich respektlos, also gegen Brauch und gute Sitte. Denaturierung, "Unnatürlichkeit" dagegen ist ein totalitäter Begriff, der Andersdenken ausgrenzt, verunglimpft und verfolgt. Ich wehre mich deshalb so vehement, weil mir scheint, das nicht wenige Kletterer und Bergsteiger totalitären Reflexen erliegen. Ich verweise hier auf den aktuellen Streit von Messner mit dem DAV und dem OeAV, dessen Führungsgremien er ebensolche Tendenzen vorwirft.

Solchen trete ich ebenso entscheiden entgegen. Ich glaube nicht, dass das hier mit "Renaturierung" gemeint war. Es handelt sich wahrscheinlich und hoffentlich um eine sprachliche Schlamperei oder unglückliche Wahl. Oder es liegt an der Übersetzung aus dem Schweizerischen :-)

P.S. Manchmal glaube ich, dass Erstbegehungen wie Kunstwerke angesehen werden, an denen nur der Schöpfer selbst etwas ändern darf. Das trifft die Befindlichkeit mancher Erstbegeher ganz gut und erklärt die Vehemenz, mit der die eigene Kreation verteidigt wird. Die Vorstellung, jemand ändert meine Erstbegehung, in dem er neue Haken hinzuschlägt oder einen Griff abändert, ist für den Erschaffer so unerträglich wie wenn jemand den Pinsel an die Mona Lisa anlegt. Ich hoffe also, dass nicht totalitäres Denken, sondern die Verteidigung eines Kunstwerkes im Vordergrund solcher Hakendispute steht. Wobei noch zu klären ist, ob Erstbegehungen wirklich zu Kunstwerken taugen. Denn den öffentlichen Raum zum Kunstwerk zu erklären, der nicht mehr verändert werden darf, ist eher problematisch. Da es aber so viele Felsen und noch mehr Routen gibt auf dieser Welt, sollte ein Nebeneinander von Kunst und Gebrauchsgegenstand sicher möglich sein. Es wäre traurig, wenn es nur noch das eine oder das andere gäbe.
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gringo
29.10.2009 13:54 Uhr
super sache! Gratuliere und DANKE!
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langerheinz
27.10.2009 17:14 Uhr
Schon so lange habe ich diese Route auf meiner Liste, dass ich sie jetzt womöglich nicht mehr klettern kann - stimmt mich nicht traurig. Zeigt dass es "die Schweizer KletterInnen" nicht gibt - die, die wir die PlaisirerInnen nennen.
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Lothar
26.10.2009 20:39 Uhr
Sehr schön.
Das freut mich, dass die Original-Supertramp "wieder auferstanden" ist.
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Harri
26.10.2009 18:38 Uhr
Bravo. Meiner Meinung nach eine gelungene Aktion. Wehret dem Bohrwahn, der aus allem und jedem eine Plaisirkletterei machen will.
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fertlhuber
26.10.2009 09:42 Uhr
ich möchte nur anmerken, dass "Renaturierung" eine unassende Bezeichnung ist. Man sollte die Natur nicht immer für alles bemühen, was in Menschenköpfen so vor sich geht.
Damit will ich die Aktion als solche aber nicht kritisieren.
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Zwerggäuer
26.10.2009 09:08 Uhr
Ein herzliches Dankeschön an die Renaturierter.
User Avatar
Liod
26.10.2009 06:54 Uhr
Ich könnte ganze Romane zu dem Thema schreiben. Aber ich machs trotzdem kurz:
Kaum eine Nachricht hat mich dieses Jahr so gefreut wie diese. Herzlichen Dank an die Rückbauer. Respekt vor dem Mut das zu tun, und die nötige Zeit dafür zu investieren. Ich halte das für wichtig.
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