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10.10.2011
Allgemeine News

Ein offener Brief von Markus Bock: Hallo Ihr Erstbegeher, wo ist euer Respekt geblieben?

Von: Markus Bock

Markus Bock möchte sich mit einer Bitte an die Kletteröffentlichkeit wenden, da in letzter Zeit eine Entwicklung im Frankenjura überhandnimmt, die nicht mehr zu akzeptieren ist und gleichzeitig nur gestoppt werden kann, wenn auch die Mehrheit der Kletterer sie so nicht akzeptiert.

Markus Bock schreibt:

Markus BockSeit einiger Zeit kommt es im Frankenjura vermehrt zu respektlosem Verhalten in Bezug auf das Einbohren von Neutouren und Varianten.  Zwar werden noch immer hin und wieder gute Linien an den fränkischen Felsen erstbegangen, doch momentan überwiegt das Einbohren von ungeheuer nutzlosen, zwanghaft gesuchten Linienführungen und sinnlosen Varianten.

Viele dieser sogenannten „Neutouren“ haben weder einen eigenen Einstieg oder Ausstieg noch benutzen sie eigene Griffe. D.h. es handelt sich meistens um einen oder wenige dazu gebohrte Haken, die noch nicht mal logischen Linien folgen und durch die Nähe zur Nebenroute die eigentliche Tour in ihrem Wert und Charakter zerstören oder verschandeln.

Haarsträubende Beispiele hierfür gibt es genug. Nicht mal vor klassischen Routen wie der „Schleimspur“ 9- an den oberen Gössweinsteiner Wänden wird halt gemacht. So wurde eine parallele Linie zwischen „Schleimspur“ 9- und dem „Haringer-Gedenkweg“ 6+  eingebohrt, welche kaum einen einzigen eigenständigen Zug besaß.

Zudem wurde sogar die Zonierung missachtet. Der Fels ist Zone 2 zugeordnet, was heißt, dass klettern nur auf bestehenden Routen erlaubt ist und Neutouren ohne Genehmigung durch die Behörde verboten sind. Und dass hat seinen Grund,  die Felsen liegen in einem geschützten Landschaftsbereich.  Auf Anordnung der Behörde mussten die Haken entfernt werden – zum Glück!

Felsen wie das Zwergenschloss unterscheiden sich kaum noch von Kletterhallen. Jeder erdenkliche Quadratmeter Fels wird eingebohrt, wodurch oft 3-Sterne Linien zerstört werden. Beispielsweise wurden 2009 in minimalem Abstand rechts der Route „Powerplay“ 11-  Haken gesetzt, was dessen Erstbegeher, Werner Thon erzürnte und sich an den Einbohrer wandte, damit er die Haken wieder entfernen möge. Als die Bitte, einen Klassiker, wie diesen, zu respektieren abgelehnt wurde, flexte Werner Thon kurzerhand die Haken ab.

Dieses Jahr erwischte es mich dann selbst. So erfuhr ich, dass jemand in eine wunderschöne Linie namens „Steinbock“ 8c, welche von Karsten Ölze in den 90’ern eingebohrt und durch mich 2008 erstbegangen wurde,  einen Linksausstieg in geringem Abstand dazu eingebohrt hat.

Mit vernünftigem Verstand und Respekt weiß jeder, der die Route kennt, dass da einfach kein Platz mehr für eine weitere Route ist. So fuhr ich einige Tage später hin, um die Haken (zum Glück Laschen) zu entfernen. Zwei Tage später zeigte ich meiner Freundin den Tatort, da sie sich selbst ein Bild machen wollte. Als wir um die Ecke kamen, traf mich fast der Schlag.  Es besaß doch tatsächlich jemand die Dreistigkeit, noch einen Rechtsausstieg zum Steinbock zu bohren, der in Abstand, Unsinnigkeit und Hässlichkeit der erst vor zwei Tagen entfernten Variante in nichts nachstand!

Auch diese, nun zementierten Haken, entfernte ich ein paar Tage später und war erstaunt, wie leicht ich sie mit ein paar Hammerschlägen lösen konnte. Da hatte jemand nicht nur eine bescheidene Linie eingebohrt, sondern auch noch dilettantisch die Haken gesetzt, die kaum eine Sturzbelastung ausgehalten hätten, da anscheinend der Zement nur bedingt abgebunden hatte! Des einen Freud, des anderen Leid.

Weiterhin kommen massive Routenmanipulationen dazu, welche in Form von Unmassen an Sika bzw. Zement und nicht selten sogar in aufgemachten Griffen gipfeln (Nachhilfe mit Bohrer, Meisel,…).

Das wirklich erschreckende an diesen Geschehnissen ist, dass es sich hier leider nicht nur um Einzelfälle handelt, sondern um eine fortschreitende  Entwicklung mit zahlreichen Beispielen im gesamten Frankenjura! In den letzten 2 Wochen gab es sowohl Vorfälle an der Pornowand, dem Amphitheater, dem Orakel und HOFFENTLICH nicht noch wo.

Diese Ereignisse an den fränkischen Kletterfelsen zeigen eigentlich nur, welch mangelnder Respekt, welch fehlende Sensibilität und welch erschreckendes Halbwissen sich in der Kletterszene breit machen. Der Konsumgedanke scheint mittlerweile allgegenwärtig zu sein und macht selbst vor klassischen Touren mit klettergeschichtlichem Hintergrund keinen Halt mehr.

So manch einer begreift einfach nicht, dass eine schöne Tour nicht nur durch ihren Schwierigkeitsgrad einzigartig wird, sondern auch durch ihre außergewöhnliche Linienführung, ihre Eigenständigkeit und ihren psychischen Anspruch. Aber man vergisst scheinbar nur zu leicht, dass man sich nicht in der Halle mit Hakenrastern befindet, sondern in einem Naturpark mit gewachsener Klettergeschichte. Das ist ungeheuer traurig und erschreckend zugleich!

Sowohl Werner Thon, als auch ich und eine Reihe anderer namhafter Erstbegeher wollen dieses Verhalten nicht mehr tolerieren!!! Ich werde mich jedenfalls vehement gegen diese Entwicklung wehren und meine Touren von zu nah gesetzten Haken befreien. Ich will keinen Kletterkrieg, aber ich fordere etwas Respekt und Hirneinsatz, bevor jemand den Bohrer ansetzt!

Sicher gibt es noch einige schöne und lohnenswerte Linien im Frankenjura, die auf einen Erschließer warten. Diese sollten aber mit Bedacht gewählt werden! Keiner will eine Reglementierung durch Nachzonierung. Doch ich befürchte, dass es irgendwann soweit kommen könnte, wenn diese Entwicklung nicht von allein stoppt.

Ich hoffe auf breite Unterstützung Vieler und appelliere an eure Vernunft, um den Charakter vieler erstklassiger Routen zu erhalten.

Wir brauchen keine hallenartigen Bohrhakenraster!

Verfasst von Markus Bock

Unterstützt in seiner Meinung durch folgende Erstbegeher:
Werner Thon, Milan Sykora, Dicki Korb,  u.a.

 

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7 Kommentare [ anzeigen | verbergen ]
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Bernd_2
08.11.2011 05:23 Uhr
Sehr geehrter Herr Loew,

wie werden Sie ihre Erstbegehungen verteidigen, mit der Akkuflex?

Mit freundlichen Grüßen,
Bernd Spari
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Stefanloew
17.10.2011 10:18 Uhr
Hallo Frau Kiba
Ihre Antwort geht am (Haupt)Thema vorbei,
Fakt ist doch in Markus B. Kommentar letztendlich,daß bestehende Linien mit weniger Haken durch das dazugebohre irgendwelcher superdirekten Einstiegsvarianten mit Megaausstieg ausufert.Der Charakter bestehender Routen sollte eben nicht durch sog. Vaianten in eiem Meter Abstand verändert werden.
Also dann noch a good Climb in meinen Plaisierrouten.Von den 79 9 nern aus dem Hause Löw haben Sie ja schon 3 Routen laut Ihrer Tickliste niedergerungen.
Stefan Löw
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Kiba
16.10.2011 20:30 Uhr
Hallo Herr Löw,
es scheint Dich ja doch ganz schön zu belasten, dass eine Frau einen Direkteinstieg zu Deiner Route erschließt, den Du nicht rauf kommst. Anders ist es ja kaum zu erklären, dass Du das Thema 'Luca' immer wieder anschneidest. Ich hoffe ja für Dich, dass Du dieses Trauma irgendwann überwindest...
Als Erstbegeherin bekomme ich natürlich auch Rückmeldungen zu meiner Tour und diese waren bisher durchweg positiv und über zu viele Haken hat sich da eigentlich niemand beschwert. Im Gegenteil, in Anbetracht der Tatsache, dass es sich um schwere Züge in Bodennähe handelt, halten die meisten die Hakendichte für angemessen.
Es mag für Deine Generation schwer zu akzeptieren sein, dass heute viele Kletterer den sportlichen Aspekt des Kletterns höher bewerten, als den des Abenteuers und sich dies auch in der Absicherung bemerkbar macht. Mal ganz davon abgesehen, dass man von einigen älteren Erschließern auch zu hören bekommt, dass die damalige spärliche Absicherung keineswegs immer dem gewünschten moralischen Anspruch sondern eher einem Mangel an Geld und Material, sowie der fehlenden Akku-Hilti geschuldet waren. Vermutlich gab es damals wie heute unterschiedliche Vorlieben bei der Absicherung und eigentlich ist es doch schön, dass in der Fränkischen für jeden was dabei ist. Und wenn ich einen spärlich abgesicherten Klassiker klettern möchte, meckere ich auch nicht, sondern verlängere halt Haken oder klettere im Toprope.
Es ist allerdings schon auffällig, dass Deine Erstbegehungen nur so lange einen hohen moralischen Anspruch aufweisen, wie sie sich in einem für Dich komfortablen Schwierigkeitsbereich bewegen. So sind eigentlich alle Routen ab 9-, die ich von Dir kenne(und das sind einige), gut und wenn es in Richtung oberer neunter Grad geht eher sogar komfortabel abgesichert. Wirft man zum Beispiel mal einen Blick auf die Pumpgun am Blechfass, sieht man eben jene 'Hallenbedingungen' die Du anderen ankreidest. Ich für meinen Teil freue mich darüber und denke dass Pumpgun eine der schönsten Touren in dem Grad ist.
Es ist sicher richtig dass Du mit Deinen vielen schönen Begehungen einen großen Beitrag zum Klettern in der Fränkischen geleistet hast, allerdings trägst Du auch relativ viel zu einer vergifteten Stimmung bei.

Grüße
Kerstin Kirchhoff
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Stefanloew
15.10.2011 18:44 Uhr
Hallo Markus,
Deine (längst überfällige)Anprangerung der fränkischen Erstbegeherethik deckt sich völlig mit der meinen.Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht,daß sich der Abbau von vermeintlichen Erstbegehungen oder fragwürdigen 'Kombis' nicht bei einem/ zwei Bier langfristig erledigt.
Ich darf seit etwa 30 Jahren die Klettergebiete in Europa bereisen und hie und da mir meine Eindrücke über alte und neue Routen bilden.Mitlerweile kann ich sagen, daß hier bei uns mit Abstand der Klettersport den Bach runter geht.Würde sich jemand in Siruana,Ceüse,Tarn usw. Kombis ala Franken als seine Kreation feiern lassen, dem würden sie die kletterische Zurechnungsfähigkeit in Frage stellen und die Haken entfernen.
Sog.'Erstbegehungen' mit doppelter Hallenabsicherung (siehe Kommentar Trautner Ged.Wand 'Luca' oder auch das Neue Teil am Wüstenstein sind für mich eher Zeugnis eines moralischen Defizites als eine Bereicherung.-Aber man/frau muß es ja Gottseidank nicht klettern-.
Unmittelbar betroffene klassische Linien daneben jedoch erhalten dadurch sicherlich keine Aufwertung.Das erforderliche Fingerspitzengefühl fehlt eben bei diesen kreativen Entgleisungen.
Die 'Tausend' neuen (DAV)Kletterhallen produzieren desweiteren eben nicht nur Kletterfreunde sondern auch Lichtgestalten mit der Lizenz zum fröhlichem Tummeln in der Natur. Der Slogan 'von der Halle an den Fels' endet schließlich dann mit der Bohrmaschine in der Hand an einem Mooshuber,obwohl ja in den Kletterregelungen das Erschließen von Routen an Felsen von geringer Felshöhe unterbleiben soll.Da fehlt dann nicht nur das Fingerspitzengefühl sondern auch das Hirn für die Natur.
Ich werde sicherlich auch in Zukunft 'meine' bestehenden Erstbegehungen vor zusätzlichen Haken sei es durch tangierende Touren oder auch vermeindliche Nachsanierungen zu schützen wissen.
Des weiteren fordere ich die Kletterverbände auf,dies mit den Klassikern auch zu tun.
Natürlich wird jetzt der Eine oder die Andere schreiben :Du hast ja da auch... und dort..., aber ich bin der Meinung ,daß bei meinen über 400 Erstbegehungen im FJ und insgesammt mehr als 6500 gebohrten Bühlern das Fingerspitzengefühl im Laufe von 35 Jahren vorhanden ist, sinnvolles für den Klettersport geleistet zu haben und noch in Zukunft für unseren supereinzigartig und geliebten Sport leisten kann.
Ich hoffe und bin mir sicher, daß Leute wie Du und Deine Generation 'unser' Erbe im FJ erhältst.Ihr seid auf dem richtigen Weg .Mit meiner (praktischen und idealen)Unterstützung.
In diesem Sinn
Stefan Löw
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soero
13.10.2011 13:52 Uhr
@tohe, wenn hier jemand pauschalisiert dann mit Sicherheit du. Mit"@alle anderen" sind also diejenigen gemeint welche nicht deiner Meinung sind, also Hinterherhechler und Falschdenker. Mich persönlich interessiert das Thema Felsästhetik und klare Linien, was der Autor gemacht hat oder nicht is mir Wurst. Auch greife ich keine Person(da ich manche gut leiden kann) an sondern kritisiere nur ihr Handeln(hier gibts ja leider genug Reibereien und Anfeindungen).
Schönes WE, Ro.
User Avatar
wolfi
12.10.2011 18:01 Uhr
Da gibt es nur eines,neue Tour in Zone 2 Abbauen.
Manipulierte Griffe oder Löcher Abbauen.
Mit Sika und Zement unterstützte oder angeklebte Griffe Abbauen
und das sehr Konsequent durchziehen dann wird es ruhiger....
Grüße aus der Pfalz
Wolfi
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soero
11.10.2011 09:13 Uhr
Jetzt stellt sich die Frage, wie man gegen solch ein egoistisches und respektloses Verhalten vorgehen sollte.
Gibts da Alternativen zu irgendwelchen Regelungen die verfasst werden müssen? Dann ist sie wieder da, die allgegenwärtige und in alle Lebensbereiche eindringende Bevormundung.
Alle von einer Mehrheit nicht erwünschten Haken entfernen.
Appell an die Variantensucher und Zupflasterer(Ham mer glaub ich scho öfters kabt, und hat nix kolfen).
Neutour erst nach Absprache mit einer geeigneten Institution.
Alles recht traurig!
Schön zu sehen, daß auch viele andere gerne mal was kletteren und sich nicht alle Meter fragen wollen in welcher Tour ich mich eigenlich befinde, Kulttouren noch als etwas Besonderes ansehen und sich vielleicht auch mal was psychisch anspruchvolles antun wollen.
Gruß Ro.
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