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25.11.2010
Allgemeine News

Stefan Glowacz im Gespräch mit dem ALPIN Magazin: Quo vadis Alpinismus?

Von: Clemens Kratzer, Olaf Perwitzschky (ALPIN Magazin), Fotos: M.Joisten, RedChili

Ein Kongress in Brixen, eine K2-Lüge, touristische Erschließung der Berge. Das ALPIN Magazin wollte von Stefan Glowacz wissen: Wie macht sich der Alpinismus in der Spaßgesellschaft?

Stefan Glowacz

ALPIN: Ein Skyrunner gaukelt einen Gipfelsieg vor, eine Bergsteigerin wird trotz vieler Zweifel als 8000er-Queen gekürt. Was ist los mit dem Alpinismus?

G. Meiner Ansicht nach sind solche Vorkommnisse, wie die Lüge von Christian Stangl, eine ganz große Gefahr zuerst einmal für den  Profi-Alpinismus, aber unmittelbar auch für das Bergsteigen generell und die Werte, die mit dem Bergsteigen verbunden sind. Bergsteigen in all seinen Spielformen, vom Bouldern bis zum Achtausenderbergsteigen, ist zuerst einmal die Auseinandersetzung mit einem selbst gesteckten Ziel, es schreibt uns ja niemand vor, dass wir da hoch müssen, das sind alles freiwillige Entscheidungen.

Wir setzen uns selber diesem Druck aus, weil wir Spaß daran haben und es spannend finden, zumindest sollte dies der primäre Antrieb sein. Wären wir Profifußballer, dann müssten wir spielen, auch gegen  Gegner, die wir nicht mögen. Aber wir haben unseren eigenen Gestaltungsspielraum, und das ist ja auch das, was die Faszination des Bergsteigens ausmacht. Es ist ein großes Glück unsere eigenen Ziele definieren zu können. Dazu gehört aber auch der ehrliche und kritische Blick  in den Spiegel und die Frage: Bin ich auch wirklich in der körperlichen und mentalen Verfassung, dieses Ziel zu verfolgen, all die Zweifel, Entbehrungen und natürlich auch das Risiko des Scheiterns zu akzeptieren?

Vielleicht einen Begehungs- oder Besteigungsversuch abbrechen zu müssen, nach Hause zurückzukehren, weiter zu trainieren und es noch einmal probieren. Das ist doch die Quintessenz des Bergsteigens, für einen Profi wie auch für einen Wochenendbergsteiger. Es sind nicht nur interessante, sondern sehr prägende Erfahrungen wenn ich mir eingestehen muss, dass ich es nicht drauf habe, in diesem Augenblick lernt man demütig zu sein.

So pathetisch wie es klingen mag, aber Demut ist auch im modernen Alpinismus nach wie vor eine wichtige Tugend und wird es immer sein. Von gewissen Zielen muss man regelrecht besessen sein, sonst würde man die Motivation gar nicht aufbringen, um vielleicht nicht nur zweimal sondern unter Umständen drei- und viermal an einen Berg zu laufen. Wie Robert Jasper und ich erfahren mussten, als wir drei Mal an die Nordwand des Cerro Murallón in Patagonien laufen mussten um sie endlich zu durchsteigen.

Wir haben mit der Route „Vom Winde verweht“ die Grenzen des Machbaren weiter verschoben, aber nur, weil wir bereit und davon überzeugt waren, diese Odysee durchzustehen.  Über allem steht jedoch die Ehrlichkeit. Es kann sogar so weit gehen, daß ich erkennen muss, daß mein Ziel für mich nicht machbar ist und ich es der nächsten, besseren Klettergeneration überlassen muss.  

ALPIN: Bis du irgendwann einmal in deiner Laufbahn vor der Situation gestanden, wo du dachtest: Jetzt könnte ich schummeln?

G. Diese Situation hast Du im Profibergsteigen immer. Unser Tun findet in der Regel unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, ohne Schiedsrichter und Funktionäre. Wer kontrolliert denn, ob Du tatsächlich auf dem Gipfel warst? Es ist ein Leichtes 100 Meter, oder sogar 1000 Meter, unter dem Gipfel umzukehren und zu behaupten „Ich war oben“. Für mich gab es das nie, weil mir von Grund auf  dieser Ehrenkodex des Bergsteigens von meinen Eltern anerzogen wurde.

Und ich hatte auch immer Lehrmeister und Partner, für die Ehrlichkeit allerhöchstes Gebot war. Es ist doch auch der Anreiz, das Spannende, wenn du alles versuchst da hochzukommen und am Ende einsehen musst, dass es zurzeit noch nicht geht. Wer schummelt, der macht alles kaputt, und muss mit einer immensen Lebenslüge zurechtkommen. Und ich behaupte, dass keiner von den Profibergsteigern so gestrickt ist, dass er mit so was umgehen kann.

ALPIN: Wie kommt es, dass bei unserer Umfrage zum „Fall Stangl“ einige von der „Spitze des Eisberges“ gesprochen haben?

G: Das ist ein gewagter Generalverdacht. Wer so eine Aussage trifft, muss auch mit Fakten kommen um diesen Verdacht zu belegen. Dann  könnte man auch sagen, der ganze Alpinismus ist Lug und Betrug.  Das glaub ich nicht. Ich bin davon überzeugt, daß sich eine Gerlinde Kaltenbrunner eher den Fuß abhacken würde, bevor sie einen Schmarrn erzählt. Wenn wir schon bei Vorbildern sind:  Selbst wenn wir uns in einer gewissen Konkurrenzsituation befinden, auch einem Alex und Thomas Huber vertraue ich hundertprozentig. Sie sind vom Verhaltenscodex her die Oldschool. Die würden  so eine Lügengeschichte nie und nimmer erzählen.

ALPIN: Kann sich das außerhalb des Profibergsteigens etablieren, dass man sagt, ich war oben, kann ja niemand nachprüfen.

G. Wir Profibergsteiger haben natürlich eine entsprechende Vorbildwirkung auf die jungen Klettergenerationen und somit eine große Verantwortung mit guten Beispiel voranzugehen, auch andere zu animieren, selber aufzubrechen und ehrliche Projekte anzugehen. Wir müssen auch immer wieder zeigen, daß Scheitern zum Alpinismus gehört wie der Gipfelerfolg, auch wenn sich Erfolg in unserer Gesellschaft wesentlich besser vermarkten lässt. Beim Bergsteigen und vor allem beim Klettern sind wir unsere eigenen Schiedsrichter und Richter. Die Einstufung einer Leistung beruht einzig und allein auf der Ehrlichkeit der Protagonisten. Soviel ich weiß gibt es außer dem Klettersport keine einzige Sportart, die ohne Schiedsrichter und Funktionäre auskommt.

Wenn wir das zerstören, dann  müssen wir irgendwann mal unsere Erstbegehungsversuche anmelden, mit GPS-Koordinaten und ganz genauen Dokumentationen und Bildern von neuralgischen Punkten beweisen. Und wenn dann ein Bild in der  Kette fehlt, dann wird die Begehung nicht anerkannt. Diese Freiheit dürfen wir uns nicht zerstören. Darum ist jeder, der sich so versteigt und der so betrügt, in  der Szene eine Persona non Grata. Wir dürfen den Spaß an unserem Tun nicht verlieren. Wir sollten uns selbst nicht für so wichtig nehmen, denn es werden immer Bessere nachkommen, ein Adam Ondra oder ein David Lama …

ALPIN: … der ja vom Wettkampfklettern kommt. Ist das der Weg, vom Wettkampfstar zum Alpinkletterer der weltweit Ziele sucht ?

G. Ich bin ja selbst diesen Umweg über das Wettkampfklettern gegangen und bin nach 8 Jahren im Wettkampfzirkus wieder zu meinen Wurzeln zurückgekehrt. Ich beobachte die Entwicklung im Profibereich mit gemischten Gefühlen. Ich habe den Eindruck, daß der Kommerz und der Druck von Sponsoren den eigenen Antrieb bei der Definition von Zielen mehr denn je beeinflusst. Jeder versucht natürlich in gewisser Weise eine Nische für sich zu finden. Mit meinem „by fair means“ Expeditionsstil habe ich meine Nische gefunden und muss mich für keinen verbiegen.

Für die nächsten Generationen  wird es immer schwieriger werden, eigene Interpretationsformen zu finden. Alles ist irgendwie schon mal da gewesen. Ob Paul Preuss  und Soloklettern oder Patrick Berhault und Christoph Profit bei der Aneinanderreihung schwierigster alpiner Routen. Was ich sehr schade finde ist die Tatsache , daß die Topleute heutzutage kaum mehr zum Stift greifen und ihr Tun intellektuell hinterfragen wie damals ein Paul Preuß , dann ein Reinhold Messner und in jüngerer Zeit ein Wolfgang Güllich.

Es gibt so gut wie keine Artikel mehr zu lesen von Spitzenbergsteigern und Kletterern, die ihre Visionen, Eindrücke und Meinungen zum Ausdruck bringen. Auch einmal Stellung beziehen, anklagen und Entwicklungen zur Diskussion stellen. Das Profibergsteigen ist unglaublich kommerziell geworden. Wir verlieren die Grundwerte aus den Augen auch,  weil nicht mehr darüber berichtet und geschrieben wird.

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